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Buchbesprechung: „Wie neu sind die ’neuen Väter‘?“

Johanna Possinger: "Wie neu sind die 'neuen Väter'?"

Johanna Possinger: „Wie neu sind die ’neuen Väter‘?“

Ich gebe es zu. Ich bin skeptisch, wenn Frauen erforschen, wie Männer und Väter so sind, wie sie sich verhalten, was sie denken. Mit dieser Einstellung bin ich auch an die Lektüre des Bändchens „Wie neu sind die ’neuen Väter‘?“ Von Johanna Possinger herangegangen. Soviel gleich vorweg: Meine Sorgen haben sich in diesem Fall als unbegründet herausgestellt.

Possinger, Leiterin der Fachgruppe „Familienpolitik und Familienförderung“ des Deutschen Jugendinstituts in München, gibt einen schnellen Überblick über das Thema Vatersein heute. Sie nimmt in diesem Zusammenhang den Begriff der „Neuen Väter“ kritisch unter die Lupe. Selbstverständlich hat sie recht, wenn sie den Begriff als Kategorie ungeeignet findet. Völlig richtig fragt sie, wo der „Neue Vater“ anfängt. Bei den zwei Vätermonaten? Bei der regelmäßigen Freizeitgestaltung mit den Kindern am Wochenende? Oder doch erst bei einer egalitären Partnerschaft, in der Mann und Frau die Familien- und Hausarbeit aber auch die Erwerbsarbeit zu gleichen Teilen bestreiten. In diesem Kontext ist auch der Titel des Buches zu verstehen.

Bei der Analyse der Situation und dem Forschungsansatz der dem Buch zugrunde liegenden qualitativen Studie geht sie idealtypisch vom egalitären Ansatz aus. Sie stellt die wesentlichen Punkte dar, die einer neuen, modernen, partizipierenden Vaterschaft im Wege stehen. Einer der Punkte: Die Gatekeeper-Funktion der Frau in Fürsorge und Erziehung. Und schließlich gibt sie auch noch fünf Handlungsempfehlungen, für eine väterbewusste Familienpolitik.

Wer sich schnell mit dem Thema Vatersein heute und morgen auseinandersetzen möchte, ist mit dem kleinen Band gut bedient. Er eignet sich auch ganz gut zum Einstieg in die Thematik. Übrigens ist kürzlich auch die „Langfassung“ der Ausführungen bei Springer unter dem Titel „Vaterschaft im Spannungsfeld von Erwerbs- und Familienleben“ erschienen.

Jean Le Camus: Väter

In loser Folge möchte ich an dieser Stelle auch in Zukunft wichtige Bücher rund um das Thema Vatersein und Familienleben vorstellen.

Jean Le Camus: Väter, Beltz, 2003

Jean Le Camus: Väter, Beltz, 2003

Heute ist ein zwar schon etwas in die Jahre gekommener moderner Klassiker an der Reihe. Allerdings ist das Werk „Väter“ von Jean Le Camus eine hervorragende Einführung in das Thema „Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes“, wie es auch im Untertitel heißt. Das Werk zeichnet aus, dass es als eines der ersten auch aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Vorurteil aufräumt, dass der Vater in der frühen Entwicklung des Kindes keine wesentliche Rolle spielt.

Der französische Psychologe hat eine Reihe von Erkenntnissen und Zahlen vor allem aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zusammengetragen. Teilweise fließen auch eigene Forschungsergebnisse aus Feldstudien in die Darstellung mit ein. Insgesamt bekommt die psychoanalytische Betrachtungsweise für meinen Geschmack ein wenig zu viel Platz eingeräumt. Die Sprache ist nicht sehr modern, was allerdings auch an der Übersetzung liegen mag.

Wenn man allerdings von diesen Aspekten absieht und man sich mit der Sprache einigermaßen angefreundet hat, wird es zu einer sehr wertvollen Lektüre – sowohl für den Einsteiger in das Väterthema als auch für gestandene Väter, die ein wenig Rückschau halten wollen und Anregungen zum Nachdenken über das Vatersein suchen.

Ich möchte ein paar ausgewählte Erkenntnisse präsentieren, auf die Le Camus in seinem Buch eingeht. Alle ausführlichen Erläuterungen finden sich dann im Buch.

Natürlich geht es in den meisten Fällen um den Unterschied von Vätern und Müttern und die unterschiedlichen Auswirkungen des Verhaltens der Eltern auf die Reaktionen und Entwicklungen der Kinder. Einen Hauptpunkt würde ich unter dem Motto „Mütter fördern, Väter fordern“ zusammenfassen. Mütter sind eher zur Unterstützung da, Kinder suchen bei Ihnen Schutz. Das Neue, Dinge, die es zu erforschen gilt, sind das Metier der Väter. Väter fordern auch in Spielsituationen eher zu Handlungen und neuen Ansätzen auf, während die Mütter eher kommentieren und loben. Väter sind bekannt dafür, dass sie die Kinder schon mal beim Spiel ablenken oder auch necken. Hier hat man herausgefunden, dass Kinder dadurch zu neuen Lösungen und alternativen Handlungsmöglichkeiten geführt werden und damit ausgetretene Pfade verlassen. Im Bereich der Sprache gibt es Erkenntnisse, dass die Väter für die Erweiterung des Sprachschatzes beim Kind verantwortlich sind, weil sie in der Kommunikation mit ihnen mehr unbekannte Wörter verwenden als die Mütter. Da Kinder gegenüber Fremden aufgeschlossener sind, wenn ihre Väter dabei sind, folgert man, dass die Risikobereitschaft der Kinder durch die Anwesenheit der Väter wächst. Väter wirken wie Katalysatoren beim Eingehen von Risiken. Auch in Situationen wie beim Babyschwimmen gilt: Die Mutter bestärkt, und der Väter regt an.

Le Camus kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Väter nicht nur für den Aufbau der geschlechtlichen Identität und die Konstruktionen des Wertesystems des Kindes von immenser Bedeutung sind, sondern für alle Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Und das ist doch eine wunderbare Sache. Insofern ist das Buch bei aller Wissenschaftlichkeit doch ein großer und wichtiger Mutmacher für alle Väter.

Jean Le Camus, Väter, Beltz, 2003, 11,90 Euro.

Der Mann muss tun, was der Mann tun muss

Organisationsberater Hans-Georg Nelles hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Rolle der Mann/Vater spielen muss, damit der Frau nach der Elternzeit der Wiedereinstieg in den Beruf gelingt. Damit hat er sich tatsächlich eines wichtigen Themas angenommen. Zuletzt wurde die neue Vaterschaft in den Medien als Mythos dargestellt. Es ist richtig: Mann ist kein neuer Vater, nur weil er sich als solcher bezeichnet. Diesen Status muss er sich erarbeiten. Die Broschüre ist im Auftrag des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend und der „hessenstiftung – familie hat zukunft“ entstanden. Die Ergebnisse basieren auf qualitativen Interviews. Das Werk ist sehr lesenswert und erhellend.