Tag Archiv für Familienpolitik

Familienpolitischer Kleister

Nein, eigentlich wollte ich keine Worte mehr über das Betreuungsgeld verlieren. Heute nun hat der Bundestag das Betreuungsgeld mit Ach und Krach verabschiedet. Und das ist dann eben doch ein Anlass, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Das Betreuungsgeld ist aus meiner Sicht politischer Kleister. Als Thema verkleistert es das Wesentliche: Die Familie hat in unserer Gesellschaft nicht den Stellenwert, den sie verdient. Mit dem Betreuungsgeld können sich die Politiker nun wieder zurücklehnen und behaupten, dass sie etwas für die Familien getan hätten. Tatsächlich reißt es unüberbrückbare Gräben in der Gesellschaft. Eltern mit unterschiedlichen Lebenskonzepten zerfleischen sich nun gegenseitig – das ist gut auf den einschlägigen Plattformen im Netz zu sehen. Die Politiker sind immer froh, wenn sich die Bürger gegenseitig das Leben schwer machen. Das bringt sie selbst nämlich aus der Schusslinie.

Genauso sinnlos ist übrigens das Thema U3-Betreuung in der Form, in der es diskutiert wird. Die reine Konzentration auf die Quantität verdrängt die Diskussion um die so wahnsinnig wichtige Qualität gerade der Betreuung der Kinder, die unter 3 Jahren fremdbetreut werden. Auch hier das gleiche Phänomen: Die Politiker haben es geschafft, Menschen, die eigentlich dieselben Ziele verfolgen, gegeneinander aufzubringen. Und wieder lachen sie sich ins Fäustchen.

Das Problem in unseres Gemeinwesens ist, dass die Familien nicht die notwendige Anerkennung erhalten, dass die Wertschätzung bei Weitem nicht ausreicht. Wie in der Bildungspolitik – ebenfalls ein sehr, sehr wichtiger Bereich der Politik, wirklich – werden Verschleierungsmaßnahmen ergriffen, um zu zeigen, dass man etwas tut, und um die Betroffenen auseinanderzutreiben, um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen.

Wir leben in einer weitgehend familien- und kinderfeindlichen Gesellschaft. Wenn sich hier nicht einschneidend etwas ändert, wird sich die demographische Spirale noch schneller drehen als erwartet. Familien sind wahrhaftig systemrelevant – man hat den Eindruck, dass die Systemrelevanz von Banken und Rüstungsgüterindustrie aber tatsächlich höher ist, als die der Familie. Das ist ein Symptom für die dramatische Situation, in der sich unsere Gesellschaft befindet.

Organisieren, Flexibilisieren und Kommunizieren

Der Mann kommt nach Hause. Es ist knapp nach 23 Uhr. Nach einem intensiven Austausch zum Thema Familie-, Familienbildung und Väterarbeit. Die Frau sitzt noch am Schreibtisch, Unterricht für die kommenden Tage vorbereiten. Ein Gespräch mit den Updates des Tages muss auf später verschoben werden. Vertieftes Arbeiten.

Er schleicht nach oben, setzt sich noch an den Rechner. Einen Blogbeitrag verfassen. Es geht auf Mitternacht zu. Die Kleine fängt an zu weinen und zu schreien. Sie träumt unangenehmes Zeug. Die Kontaktaufnahme ist erschwert, sie schläft noch. Weint weiter. Nach 15 Minuetn ist eine Verständigung möglich. Papa legt sie ins Elternbett. Daneben sein Schreibtisch, an dem er sich nochmal niederlässt.

Gegen 0.30 Uhr kommt auch die die Frau nach oben. Er legt sich ins Bett. Die Kleine ist immer noch unruhig, die Nase ist zu. Die Partnerin ist dann auch so weit, um sich mit der Nachtruhe zu beschäftigen. Die nächste Stunde wird jedoch genutzt, den Tag zu beflüstern und die Organisation für den nächsten Tag zu besprechen. Am nächsten Tag ist wieder einer der Ausnahmetage mit erhöhtem Organisationsaufwand und Flexibilitätsbedarf. Richtig Ruhe kehrt wohl erst gegen 2 Uhr morgens ein.

Um 6.20 Uhr steht der Große vor dem Bett: „Papa, kommst Du runter?“ „Gleich!“ 10 Minuten später ist Papa unten. Frühstück wird vorbereitet, Papierkram erledigt. Der zweite Sohn kommt auch angeschlichen. Frühstück, eine willkommene Pause mit wenigstens einem Teil der Familie. Oben kommt auch langsam Bewegung ins Haus. Mama muss pünktlich weg, der Zug wartet nicht auf die Klasse, mit der es heute ins Kino geht. Eigentlich ist es schon zu spät, aber da wird die Kleine wach und braucht Mamas Wärme und Zuneigung. Also kümmert sie sich ums Anziehen und Fertigmachen. Vor allem Motivationsarbeit ist zu leisten. Das gleiche gilt für Papa in der Küche. Alle Kinder sind gesundheitlich ein bisschen angeschlagen. Potenzial für schlechte Stimmung. Mama hechtet mit der Tochter nach unten. Schnell ein Brot essen und einen Tee trinken. Die Abfahrzeit in Richtung Bahnhof ist erreicht. Jetzt muss es schnell gehen. Papa bügelt noch ein Hemd, schmiert der Tochter noch ein Brot, bereitet den Großen auf die Schule vor, kümmert sich um Pausenbrot und Pausenapfel. Anziehen fehlt noch, sich selbst und die Kinder unterstützen, die sich aber auch gegenseitig unter die Arme greifen. Aufbruch. Jetzt noch kurz bei der Tagesmutter vorbei. Ein bisschen glutenfreies Knabberzeug vorbeibringen, damit die Kleine am Nachmittag auch etwas zum Snacken hat. Und dann ab zum Kindergarten. Zu Fuß, natürlich. In dem kleinen Kaff wird sowieso viel zu viel Auto gefahren. Der Rest ist Routine. Die Kinder sind glücklich im Kindergarten angekommen, der Große in der Schule. Papa kann sich auch langsam auf den Weg zur Arbeit machen.

So oder so ähnlich sieht es in vielleicht hunderttausenden Familien in Deutschland aus. Organisieren, Flexibilisieren und Kommunizieren auf höchstem Niveau. Wenn es nur in Ansätzen in den Unternehmen der Republik so laufen würde, dann ginge es der Wirtschaft und Gesellschaft deutlich besser.

Wie sehr beschleicht mich Unbehagen und Wut, wenn ich Geschichten höre, dass Teilzeitarbeit verweigert wird und man Väter und Mütter für unfähig hält, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen und ihnen vorwirft, sie hätte ein Organisationsproblem. Und wenn Frauen zugebilligt wird, dass sie das Zeug Führungspositionen haben, nur eben nicht mehr nach der Geburt eines Kindes und dem Wunsch, im alten Job Teilzeit zu arbeiten. Plötzlich haben sie ihre Qualifikation verloren und müssen in die zweite oder dritte Reihe zurücktreten. Absurd. Oder wenn man Geschichten hört, dass Mann oder Frau selbst Schuld sind, wenn sie sich für Familie statt Beruf entscheiden. Dann sind sie eben auch selbst Schuld, wenn sie nur noch Aufgaben zweiter und dritter Klasse bewältigen dürfen. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen.

Wer Familie hat, erwirbt im Laufe der Zeit Fähigkeiten, die weit über das hinaus gehen, was man in irgendwelchen sündhaft teuren Seminaren vermitteln bekommt. Es muss ein Umdenken her. Ganz stark sind hier die mutmaßlichen Führungskräfte in den Unternehmen in der Pflicht. Politik kapiert irgendwie gar nichts. Auch Gruppen wie Gewerkschaften stehen wie der Ochs vorm Berg. In einer guten Analyse in der FAZ steht etwas sehr Wahres: Familien sind systemrelevant. Es wird Zeit, dass die Entscheider in Staat und Wirtschaft das endlich verstehen und entsprechend handeln. Hier steckt eine Menge gesellschaftlichen Sprengstoffs.

Kinderlosigkeit sanktionieren ist Blödsinn

Da steht ein Thema im Raum, das nach einem Beitrag schreit. Eigentlich will ich hier gar nicht so viel über Familienpolitik schreiben. Aber der neuerliche Vorstoß (insgesamt ist es ja auch kein neuer Vorschlag) von einigen jungen Wilden in der Union hat so viel Wirbel verursacht, dass es auch mich erwischt hat.

Grob gesprochen wollen die jungen Politiker Kinderlosigkeit bestrafen. Damit mehr Kinder geboren werden. Damit die Kinderlosen am Ende nicht nur von den Kindern anderer profitieren, wenn diese nach dem Generationenvertrag dann auch deren Renten finanzieren müssen. In Kommentaren der Medien und den darauf folgenden Kommentaren der Leser werden manchmal auf äußerst bedenklichem Niveau die Argumente Für und Wider ausgetauscht. Tausendfach.

Befremdlich sind vor allem jene Kommentare, in denen Eltern vorgeworfen wird, sie hätten Kinder in die Welt gesetzt und würden sich damit völlig selbstverschuldet einem Luxus hingeben, den die Kinderlosen nicht finanzieren wollen. Der Vorwurf: Keiner denkt bei der Zeugung an die Gesellschaft. Ehrlich gesagt fehlen einem hier die Worte. (Hier als Beispiel ein Kommentar auf Handelsblatt.com.)

Welches Gemeinwesen funktioniert denn ohne Nachwuchs? Wer sichert den Wohlstand, wenn nicht die Berufstätigen, Ingenieure, Konsumenten und Einzahler in die Sozialkassen von morgen? Ein Wahnsinn, was da gerade läuft.

Kinderlosigkeit sanktionieren zu wollen, ist dennoch der falsche Weg. Eine Gesellschaft, der der Nachwuchs wichtig ist, soll erstmal alles dafür tun, dass sie eine Gesellschaft wird, die Kindern gegenüber positiv eingestellt ist. Das hat viel mit Geld zu tun, aber nicht nur. Es mangelt in diesem Land an einer positiven Stimmung gegenüber Kindern. Das ist das große Problem. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als gesellschaftliches Ziel, unterstützt von Unternehmen und der Politik, ist weitestgehend ein Mythos. Dabei steckt Hier ein kräftiger Hebel auf dem Weg zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft. Hausaufgaben machen ist angesagt, nicht das Schüren von innergesellschaftlichen Konflikten durch mit negativer Energie gespickten populistischen Vorschlägen.

PS: Ein schönes Beispiel aus meinem Mikrokosmos. Der Bürgermeister unserer Kommune hat kürzlich angekündigt die Kindergartenpreise zu erhöhen. An dieser Schraube hätte man schon zu lange nicht gedreht.