Jungen sind die Bildungsverlierer

Jungen sind die Verlierer in unserem Bildungssystem. Entscheidungen vor Ort beschleunigen den Prozess.

Jungen sind die Verlierer in unserem Bildungssystem.
Entscheidungen vor Ort beschleunigen den Prozess.

Mein heutiges Thema ist nicht gerade neu, allerdings wird ihm nicht die Beachtung geschenkt, die wohl notwendig wäre. Zahlreiche Artikel und Beiträge in den Medien sowie Aufsätze wurden dazu schon verfasst. Mit diesem Beitrag möchte ich euch da draußen dafür sensibilisieren, ein Auge darauf zu werfen, was in Einrichtungen wie Kitas und Schulen geschieht und die Entscheidungen und Entwicklungen kritisch und konstruktiv zu begleiten.

Entsprechend erwartet euch hier kein wissenschaftlicher Beitrag – das ist vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt einmal denkbar. Ich möchte einfach nur ein paar Ereignisse und Beobachtungen aus meinem direkten Umfeld schildern, die Hinweise und Argumente dafür liefern, dass Jungen die Bildungsverlierer in unserer Gesellschaft sind.

In Bickenbach an der Bergstraße leben rund 5500 Menschen, es gibt eine große Kita, eine kleine Kindergruppe und eine Grundschule. Die Mischung von Alteingesessenen und Zugezogenen ist recht ausgewogen. Bickenbach liegt in der Nahtstelle vom Rhein-Main-Gebiet im Norden und Rhein-Neckar-Raum im Süden. Gehört also irgendwie zum Speckgürtel. Soviel zur Einordnung.

Die Entwicklung von Jungen und der Umgang mit ihnen muss ein Interesse von mir sein, schließlich haben wir selbst zwei Jungs. Es sind oft nur Details, die darauf hindeuten, dass Jungen bei den pädagogischen Überlegungen in Kita und Grundschule hinten herunterfallen. Das ist das perfide. Viele Dinge entwickeln sich schleichend. Am Ende stehen bei solchen Prozessen oft die Fragen: „Wie konnte das nur passieren? Wie konnte es nur so weit kommen?“

Beispiel 1: Vor allem im Jahrgang meines großen Sohnes gibt es einen deutlichen Jungenüberschuss. Auf ein Mädchen kommen zwei Jungs. Das Fußballspielen auf dem an den Schulhof angrenzenden Bolzplatz ist den Jungen heilig. Es gibt einen Spielplan für die Woche, damit auch alle Klassenstufen zu ihrem Recht kommen. Selbstverständlich geht es nicht immer ohne Konflikte, Streit und auch handgreifliche Auseinandersetzungen zu. Kürzlich eskalierte das Ganze ein wenig. Der erste Reflex in der Lehrerschaft: Wir sollten das Fußballspielen verbieten. So wurde es von einer Lehrerin geäußert. Dazu kam es zum Glück nicht, auch weil jene Lehrerin, die diesen Satz aussprach, nochmal darüber reflektierte, was ein solches Verbot bedeutet hätte. Vor allem erinnerte sich daran, dass sie selbst einen Fußball spielenden Jungen im selben Alter hat. So etwas ist dann einfach Glück.

Beispiel 2: In der Schule steht ein größerer Umbau an. Zu diesem Zweck müssen einzelne Klassen in Container umziehen. Wohin sollen die Container gestellt werden? Schulleitung und Lehrerinnenschaft haben sich für den Bolzplatz entschieden. Mindestens ein Schuljahr lang kein Fußball in den Pausen? Eine Katastrophe. Zum Glück hatten hier andere Entscheider zu bestimmen, wo die Container hinkommen. Die Container stehen mittlerweile, der Bolzplatz ist weiter frei zugänglich und wird bespielt.

Beispiel 3: Klassische Bundesjugendspiele mit Wettbewerbscharakter sind mittlerweile verpönt. Den Kindern soll die Frusterfahrung erspart werden. Der Spaß am Sport soll erhalten bleiben. Kinder sollen sich bewegen, Bewegung ist gesund – Störfeuer werden nicht geduldet. Eine Bekannte jenseits der 50 hat kürzlich von ihren Erfahrungen bei den Bundesjugendspielen damals berichtet. „Für die Jungs war das toll, für uns Mädchen ein furchtbarer Tag. Aber wir haben uns durchgebissen.“ An unserer Schule gibt es nun sogenannte alternative Bundesjugendspiele. Weniger Druck, weniger Wettbewerb. Nach den Aussagen der Bekannten ist mir klar geworden, dass auch hier eine Entscheidung gegen die Jungen getroffen wurde. Im Abschlussgespräch mit der Klassenlehrerin unseres großen Sohnes hat diese übrigens gesagt, dass unser Sohn ihrer Meinung nach Defizite bei der Frustbewältigung hat. Darauf sollten wir in Zukunft ein Auge werfen. Merkt ihr was?

Beispiel 4: Ganz aktuell gibt es eine sehr weitreichende Entscheidung an der Grundschule in unserem Dorf. Die Grundschrift wird eingeführt. Die Druckschrift in der ersten Klasse mit anschließendem Erlernen der Vereinfachten Ausgangsschrift ist passé. Es gibt nur noch die an die Druckschrift angelehnte Grundschrift als Grundlage für eine selbst zu entwickelnde Schreibschrift. Eine der Begründungen unserer Pädagoginnen: Vor allem Jungen haben Defizite im Bereich der Feinmotorik. Man möchte sie entlasten und nicht mit dem Erlernen einer originären Schreibschrift quälen. Gilt nicht der Grundsatz, dass bestimmte Fertigkeiten wie Feinmotorik gefördert werden müssen? Warum wird in der Frühpädagogik gemalt, mit der Schere hantiert oder gebastelt? Das Argument der Überforderung in diesem Zusammenhang ist fatal. Ein Ergebnis der Einführung der Grundschrift wird sein, dass Jungen mit dem Schreiben noch mehr auf Kriegsfuß stehen werden, als es heute schon der Fall ist. Ganz typisch: Unter dem Deckmantel des pädagogisch Sinnvollen für eine problembehaftete Gruppe (hier Jungen, aber es geht auch um Inklusions-Kinder und andere Gruppen) werden weitreichende Entscheidungen getroffen, in dem Glauben etwas Gutes zu tun. Die Betonung liegt auf Glauben, von Wissen kann beim Thema Grundschrift nämlich keine Rede sein. Aber zu diesem Thema wird es gelegentlich sicher auch einmal mehr zu sagen geben.

Diese vier Beispiele aus der Provinz zeigen: Wir Eltern von Jungen müssen wachsam sein. Gerade Väter sind hier gefordert, sich einzubringen und die Entwicklungen kritisch zu begleiten. Mein ganz klarer Hinweis: Das braucht Zeit und Engagement. Und selbstverständlich ist unsere Erziehungsarbeit in der Familie gefragt. Ich bin aber überzeugt, dass sich der Einsatz lohnt.

Selbstverständlich hätte dieser Beitrag auch auf textclip.de oder gar passionpapa.de stehen können. Aus dem eben erwähnten Grund ist es diese Seite geworden.

Dem ersten Appell, die Entwicklungen in diesem Feld kritisch und konstruktiv zu begleiten, schließt sich eine zweite Bitte an: Wenn Ihr in eurem Umfeld über ähnliche Entwicklungen und Entscheidungen berichtet könnt, nehmt bitte Kontakt zu mir auf. Über das Kommentarfeld unter dem Post oder per Mail. Bei Gelegenheit trage ich die Berichte dann wieder zusammen.

3 comments

  1. Roger sagt:

    Jungen werden im Schulbetrieb systematisch diskriminiert. Zu diesen Ergebnis kommt unter anderem das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer eigenen Studie. Die Verantwortlichen dort unternahmen aber nicht das ethisch gebotene, und gingen dagegen vor sondern versuchten stattdessen, die Studie verschwinden zu lassen, deren Ergebnisse in weiteren Untersuchungen bestätigt wurden.

    „Wenn es unsere Töchter mal leichter haben sollen, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen“, verkündeten Feministinnen und gaben damit die Strategie aus, einen Angriff auf Kinder zu führen, um den Mädchen die Konkurrenz aus dem Weg zu räumen.

    Wer sich für das Thema interessiert, dem empfehle ich „Rettet unsere Söhne“ von Arne Hoffmann, bei Amazon als E-Book für 2,90€ zu haben; die Lesesoftware lässt sich einfach ohne Admin-Rechte installieren.

  2. Heil sagt:

    Jungen sind die Bildungsverlierer. Ja, leider sind sie es. Die Jungen sind Bildungsverlierer geworden im Laufe der Jahrzehnte aus meiner Sicht. Vielfältige Faktoren haben dies beeinflusst und beschleunigt, z.B. die eigenen Vätervorbilder, Männer, die in den sozialen Bildungsinstitutionen: Kindergarten, Grundschule und in der Sozialen Arbeit -> männliche Vorbilder fehlen, gesellschaftliche Bedingungen [Karrierechancen in den sozialen Berufen, wie sieht der Chef: die Elternzeit beim Mann oder Erziehungszeit]… Weitere Punkte sind, die eigene Erziehung durch die Mutter, die klassischen Rollenbilder und inweit beeinflusst das soziale Umfeld die eigene Männer- und Vaterrolle. Für mich ist der Vater ein wichtiger Erziehungspartner für die Jungs sowie für die Mädchen. Bedauerlicherweise unterschätzen die Männer Ihre Bedeutung in der Erziehung der Kinder.

    Ihre Arbeit finde ich sehr wertvoll und bereichernd.

    Aus meiner Profession heraus finde ich Ihren Blog, und Arbeit sehr wertvoll.

  3. Taubert sagt:

    „Die Betonung liegt auf Glauben, von Wissen kann beim Thema Grundschrift nämlich keine Rede sein. Aber zu diesem Thema wird es gelegentlich sicher auch einmal mehr zu sagen geben.“

    Das Grundschrift-Konzept beruht nicht nur auf Glauben sondern zu weiten Teilen auf pseudowissenschaftlichen Konstruktionen bis hin zu unwahren Behauptungen. Mehr dazu findet sich auf: http://www.grundschrift.info.

    Nachdem der der Vorläufer des Grundschulverbandes e.V. bereits für die Einführung der vereinfachten Ausgangsschrift verantwortlich war und auf breiter Linie gescheitert ist, fühlen sich nun ein paar Lobbyisten dazu berufen, sich durch die nächste theoretisch und empirisch höchst zweifelhafte Schriftvariante persönliche Ego-Denkmäler auf den Rücken der nächsten Schülergenerationen zu erreichten.

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