Buchbesprechung: „Eltern, setzt euch durch!“

Werner Haas: "Eltern, setzt euch durch!"

Werner Haas: „Eltern, setzt euch durch!“

Wenn ich als Kess erziehen-Kursleiter einen Erziehungsratgeber lese, dann lese ich ihn selbstverständlich auch unter Kess-Gesichtspunkten. Genauso ist es auch bei der Lektüre des Erziehungsratgebers „Eltern, setzt euch durch! – Keine unnötigen Machtkämpfe mehr“ von Werner Haas aus dem Kreuz Verlag gewesen.

Der Titel versucht aufzufallen, laut zu sein. Orange-rotes Cover, auf dem Foto ein Megafon. Erziehungsratgeber müssen auffallen um aufzufallen. Zu groß ist das Angebot an entsprechenden Hilfsangeboten für besorgte und/oder verzweifelte Eltern. Auch der Titel ist reißerisch – so recht zum Foto mag er nicht passen. Die Aufforderung, dass sich Eltern gegenüber ihren Kindern durchsetzen mögen, schreien die Kinder ja nicht heraus. Es handelt sich allenfalls um stille Botschaften hinter Verhaltensweisen – aber darauf wollte der Verlag wahrscheinlich gar nicht hinaus. Dass nämlich Kinder Orientierung und Grenzen wünschen, innerhalb derer sie sich bestmöglich entwickeln und entfalten können.

So wirkt der Titel schon auf den ersten Blick nicht besonders kess. Und doch stecken viele Parallelen in den Ansätzen von Haas und dem Elternkurskonzept Kess erziehen.

Werner Haas, Psychologe, Supervisor und Familientherapeut, legt hier kein umfassendes Erziehungskonzept vor. Es geht vielmehr um eine Aneinanderreihung von Verhaltens- und Erziehungstipps, die auch mehr oder weniger aufeinander aufbauen. Das Buch ist klar gegliedert. Die großen Themen: „Was will ich?“, „So bring ich’s rüber“, „So verleihe ich meiner Forderung Nachdruck“ und „Machtkämpfe meistern“.

Quasi jedes der insgesamt 64 Kapitel wird am Ende noch einmal in wenigen Worten zusammengefasst. Das ist praktisch. Wer das Buch also einmal in seiner Gänze erfasst hat, kann bei Bedarf die Zusammenfassung lesen und sich damit die Gedanken und Tipps des Autors ins Gedächtnis rufen und möglicherweise auch direkt anwenden. Haas reichert seine Verhaltensanregungen mit vielen sicher den meisten Eltern bekannten Beispielen aus dem Erziehungsalltag an. Er erklärt, wie sich Machtkämpfe zwischen Kindern und Eltern meistern lassen und sie schließlich auch verhindert werden können. Hierbei kommt es auf eine deutliche und klare Ansprache an, sagt Haas, was sich nicht immer mit den weichgespülten Erziehungstipps anderer Autoren in Einklang bringen lässt. Aus seiner Sicht ist grenzenlose Harmonie nicht immer zielführend. An einigen Stellen bin denn auch ein wenig zusammengezuckt.

Zu Beginn geht es Haas deutlich darum den modernen und aus seiner Sicht weichgespülten Erziehungskonzepten etwas entgegen zu stellen. Und das bekommt er auch hin. Der Autor, der in er Erziehungs- und Familienberatung in Pirmasens tätig ist, weist aber immer wieder darauf hin, das es um ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander von Eltern und Kindern geht. Insofern wird das Buch im Verlauf dann doch immer kesser. Allerdings ist das oft nur in Klammern oder Nebensätzen zu lesen. Insofern birgt das Buch auch Gefahren, wenn nämlich genau diese Dinge überlesen werden. Gerade beim Thema Strafen ist das nicht unerheblich. So wird körperliche Züchtigung hier keineswegs empfohlen, ein bisschen anfassen allerdings darf es schon sein. Hier ist aber Empathie und Sensibilität bei den Eltern gefragt. Und diese Eigenschaften kann man sich nicht anlesen. Hier geht es um Haltung – und die bringt vielleicht nicht jeder Leser mit.

Zwei Punkte machten mir bei der Lektüre Probleme. Zum einen das zugrundeliegende Menschenbild im Bezug auf die Kinder. Man gewinnt den Eindruck, dass die Kinder ihren Eltern etwas Böses wollen und den Machtkampf inkl. Provokation suchen, und zwar unentwegt. Da habe ich meine Zweifel.

Der zweite Punkt hängt mit dem ersten zusammen – und ich habe ihn zuvor bereits angedeutet. Mir wird hier zu wenig eine Erziehungshaltung vermittelt, die nämlich dabei helfen könnte, die Situationen, in denen es um Machtkämpfe geht, grundsätzlich zu minimieren. Die Sichtweise des Autors ist sehr situationslastig (das hat sicher mit der Erfahrung aus der Erziehungsberatung zu tun), der Ansatz ist mir nicht ganzheitlich und nachhaltig genug. Wenn dies einmal aufscheint, dann nur zwischen den Zeilen. Der unbedarfte Leser mit wenig Vorerfahrung im Bereich der Erziehungsunterstützung mittels bspw. Elternkursen, könnte das Buch zu sehr als Rezeptbuch nutzen, das nur in bestimmten Situationen herangezogen wird. Und zwar dann, wenn die Verzweiflung der Eltern so groß ist, dass ein Rezept unbedingt her muss. Dann geht es aber nur um die Symptome, nicht um die Ursachen.

Dass es deutlich Parallelen zu Kess erziehen gibt, deutet sich im Bereich der natürlichen und der vertraglich vereinbarten Konsequenzen an. Der Autor kritisiert den aus Kess bekannten Begriff der logischen Folge. Damit stößt er einen möglicherweise wertvollen Diskurs an. Allerdings ist dieser Aspekt auch nur für Leser mit einer „kessen“ Vorbildung relevant.

Bei aller Kritik: Es stehen viele richtige Dinge in dem Buch. Allerdings werden die Kinder zu sehr als kleine Monster beschrieben. Die Situationen, in denen die Rezepte wirken, müssten möglicherweise gar nicht erst entstehen, wenn die Haltung der Eltern insgesamt eine andere wäre. Unterm Strich wollen „Kess“ und Werner Haas allerdings dasselbe. Eine wertvolle Erziehungserfahrung und eine Erziehung, die Kindern  optimale Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Werner Haas, Eltern setzt euch durch! – Keine unnötigen Machtkämpfe mehr, Kreuz Verlag, 2013, 12,00 Euro

 

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