Organisieren, Flexibilisieren und Kommunizieren

Der Mann kommt nach Hause. Es ist knapp nach 23 Uhr. Nach einem intensiven Austausch zum Thema Familie-, Familienbildung und Väterarbeit. Die Frau sitzt noch am Schreibtisch, Unterricht für die kommenden Tage vorbereiten. Ein Gespräch mit den Updates des Tages muss auf später verschoben werden. Vertieftes Arbeiten.

Er schleicht nach oben, setzt sich noch an den Rechner. Einen Blogbeitrag verfassen. Es geht auf Mitternacht zu. Die Kleine fängt an zu weinen und zu schreien. Sie träumt unangenehmes Zeug. Die Kontaktaufnahme ist erschwert, sie schläft noch. Weint weiter. Nach 15 Minuetn ist eine Verständigung möglich. Papa legt sie ins Elternbett. Daneben sein Schreibtisch, an dem er sich nochmal niederlässt.

Gegen 0.30 Uhr kommt auch die die Frau nach oben. Er legt sich ins Bett. Die Kleine ist immer noch unruhig, die Nase ist zu. Die Partnerin ist dann auch so weit, um sich mit der Nachtruhe zu beschäftigen. Die nächste Stunde wird jedoch genutzt, den Tag zu beflüstern und die Organisation für den nächsten Tag zu besprechen. Am nächsten Tag ist wieder einer der Ausnahmetage mit erhöhtem Organisationsaufwand und Flexibilitätsbedarf. Richtig Ruhe kehrt wohl erst gegen 2 Uhr morgens ein.

Um 6.20 Uhr steht der Große vor dem Bett: „Papa, kommst Du runter?“ „Gleich!“ 10 Minuten später ist Papa unten. Frühstück wird vorbereitet, Papierkram erledigt. Der zweite Sohn kommt auch angeschlichen. Frühstück, eine willkommene Pause mit wenigstens einem Teil der Familie. Oben kommt auch langsam Bewegung ins Haus. Mama muss pünktlich weg, der Zug wartet nicht auf die Klasse, mit der es heute ins Kino geht. Eigentlich ist es schon zu spät, aber da wird die Kleine wach und braucht Mamas Wärme und Zuneigung. Also kümmert sie sich ums Anziehen und Fertigmachen. Vor allem Motivationsarbeit ist zu leisten. Das gleiche gilt für Papa in der Küche. Alle Kinder sind gesundheitlich ein bisschen angeschlagen. Potenzial für schlechte Stimmung. Mama hechtet mit der Tochter nach unten. Schnell ein Brot essen und einen Tee trinken. Die Abfahrzeit in Richtung Bahnhof ist erreicht. Jetzt muss es schnell gehen. Papa bügelt noch ein Hemd, schmiert der Tochter noch ein Brot, bereitet den Großen auf die Schule vor, kümmert sich um Pausenbrot und Pausenapfel. Anziehen fehlt noch, sich selbst und die Kinder unterstützen, die sich aber auch gegenseitig unter die Arme greifen. Aufbruch. Jetzt noch kurz bei der Tagesmutter vorbei. Ein bisschen glutenfreies Knabberzeug vorbeibringen, damit die Kleine am Nachmittag auch etwas zum Snacken hat. Und dann ab zum Kindergarten. Zu Fuß, natürlich. In dem kleinen Kaff wird sowieso viel zu viel Auto gefahren. Der Rest ist Routine. Die Kinder sind glücklich im Kindergarten angekommen, der Große in der Schule. Papa kann sich auch langsam auf den Weg zur Arbeit machen.

So oder so ähnlich sieht es in vielleicht hunderttausenden Familien in Deutschland aus. Organisieren, Flexibilisieren und Kommunizieren auf höchstem Niveau. Wenn es nur in Ansätzen in den Unternehmen der Republik so laufen würde, dann ginge es der Wirtschaft und Gesellschaft deutlich besser.

Wie sehr beschleicht mich Unbehagen und Wut, wenn ich Geschichten höre, dass Teilzeitarbeit verweigert wird und man Väter und Mütter für unfähig hält, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen und ihnen vorwirft, sie hätte ein Organisationsproblem. Und wenn Frauen zugebilligt wird, dass sie das Zeug Führungspositionen haben, nur eben nicht mehr nach der Geburt eines Kindes und dem Wunsch, im alten Job Teilzeit zu arbeiten. Plötzlich haben sie ihre Qualifikation verloren und müssen in die zweite oder dritte Reihe zurücktreten. Absurd. Oder wenn man Geschichten hört, dass Mann oder Frau selbst Schuld sind, wenn sie sich für Familie statt Beruf entscheiden. Dann sind sie eben auch selbst Schuld, wenn sie nur noch Aufgaben zweiter und dritter Klasse bewältigen dürfen. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen.

Wer Familie hat, erwirbt im Laufe der Zeit Fähigkeiten, die weit über das hinaus gehen, was man in irgendwelchen sündhaft teuren Seminaren vermitteln bekommt. Es muss ein Umdenken her. Ganz stark sind hier die mutmaßlichen Führungskräfte in den Unternehmen in der Pflicht. Politik kapiert irgendwie gar nichts. Auch Gruppen wie Gewerkschaften stehen wie der Ochs vorm Berg. In einer guten Analyse in der FAZ steht etwas sehr Wahres: Familien sind systemrelevant. Es wird Zeit, dass die Entscheider in Staat und Wirtschaft das endlich verstehen und entsprechend handeln. Hier steckt eine Menge gesellschaftlichen Sprengstoffs.

Ein Kommentar

  1. […] Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog VATERberater von Christoph Lippok. […]

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